
Dies ist eine literaturhistorische Vorlesung (Moderne). Nicht nur weil sie schön sind, die lyrischen Gebilde, oder weil sie meistens kurz sind, bietet sich Lyrik als Wegweiser durch die Epochen der Moderne an. Wir können gerade anhand dieser Gattung nachzeichnen, wie sich Vorstellungen von Poetik und Poesie am Anfang der Moderne entwickeln. Seit dem Beginn des Fin-de-Siècles hat sich dann Lyrik als wichtiger Spielplatz der Avantgarde etabliert. Darum lässt sich die Frage „Was ist modern?“ an ihr besonders gut diskutieren.
Der weite historische Bogen von der Goethe-Zeit bis heute wird verschiedene Schwerpunktbildungen einfordern. Behandelt werden die wichtigen lyrischen Stimmen der Goethe-Zeit (selbstverständlich Goethe und Schiller, Hölderlin, Novalis, Clemens von Brentano, Eichendorff), aber auch die nachromantischen Bewegungen von Restauration (insbesondere Heinrich Heine, August von Platen) bis zu ausgewählten Vertretern des Realismus (C.F. Meyer). Zur Semesterhälfte sollte der weitere Höhepunkt lyrischer Ausdrucksformen am Ende des 19. Jahrhunderts (z.B. Stefan George, Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke) erreicht sein, damit in den weiteren Sitzungen den vielfältigen Erscheinungsformen der Lyrik des 20. Jahrhunderts Aufmerksamkeit geschenkt werden kann (Expressionismus und Dadaismus, unter den Autor:innen namentlich Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Bertold Brecht, Ingeborg Bachmann, Ernst Jandl, Hans Magnus Enzensberger, Rolf Dieter Brinkmann). Der historische Teil der Vorlesung endet mit einem Ausblick auf die Lyrik der Gegenwart (z.B. Thomas Kling, Jan Wagner, Nora Gomringer, Monika Rinck).
Die nötigen begrifflichen und analytischen Kenntnisse werden anhand der Beispiele vorgestellt (z.B. Begriffe ‚Lyrik‘ und ‚lyrisch‘, Metrik, generische Kleinformen, der problematische Begriff des ‚lyrischen Ich‘). Zu jeder Vorlesung werden eine Woche vorher exemplarische Texte verteilt, die dann eine Woche später gemeinsam diskutiert werden.
- Teacher: Ralph Müller