Seit Papst Urbans II. Aufruf zur bewaffneten Wallfahrt in das Heilige Land prägen die Kreuzzüge für über 200 Jahre das Bewusstsein des mittelalterlichen Menschen. Die Auseinandersetzungen hinterlassen Spuren auch in der mittelhochdeutschen Dichtung. Während in epischen Texten wie dem ‹Rolandslied› oder dem ‹Willehalm› die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Heiden im Vordergrund steht, integriert die mittelhochdeutsche Minnelyrik die Kreuzzugsthematik in das ihr eigene Diskurssystem. Im kriuzliet – der mittelhochdeutsche Begriff ist erst spät und zudem unikal bei Reinmar dem Fiedler (Anfang des 13. Jahrhunderts) bezeugt – taucht der Kreuzzug am Horizont der prototypischen Minnesangkonstellationen auf. Die Notwendigkeit, das Kreuz zu nehmen und in den Orient zu ziehen, bringt das Frauendienst leistende Sänger-Ich in eine schwierige Situation: Der Sänger muss sich zwischen Gottesdienst und Frauendienst entscheiden. An der Entscheidung für die Kreuznahme haften Probleme und Unsicherheiten: Kann der Frauendienst auch aus der Ferne geleistet werden? Sind Frauen- und Gottesdienst miteinander vereinbar? Oder gibt es gar Möglichkeiten, die Teilnahme am Kreuzzug abzuwenden?
Das Ziel des Kurses besteht darin, Bausteine zu einer Poetik des Kreuzlieds zu erarbeiten. Daneben werden auch weitere lyrische Texte (Sangspruch, Leich) mit Kreuzzugsthematik in den Blick genommen.
- Enseignant·e: Robert Schöller