Wie lässt sich die Unendlichkeit für eine menschliche, begrenzte Vernunft definieren?
In seinem Traktat über „Die belehrte Unwissenheit“ untersucht Nikolaus von Kues die Unendlichkeit Gottes und der Welt. Dabei beschreibt er als Humanist, Mathematiker und Kardinal auf innovative Weise die Verbindungen zwischen dem unendlichen Prinzip und den endlichen Seienden. Anknüpfend an den Cusaner nimmt auch Giordano Bruno ein unendliches Universum an und lehnt die aristotelische Kosmologie ab. Das Universum bewege sich nicht, sondern enthielte unendlich viele Welten, die sich selbst bewegen würden. Seine visionären Thesen eines unbewegten Universums ohne Gestalt und ohne Mitte, aber mit zahlreichen Welten (d.h. Planeten wie beispielsweise Sonnen und Erden) werden verurteilt. In seiner Kosmologie beteuert der platonische Philosoph Francesco Patrizi, dass das Universum gleichzeitig und ohne Widerspruch sowohl endlich als auch unendlich sein kann. Die Perspektive des Betrachtenden ist dabei entscheidend. René Descartes gibt seinerseits zu, dass er als Mensch nicht bestimmen könne, ob das Universum überhaupt Grenzen habe. Daher trifft er eine Unterscheidung zwischen dem Attribut „unbestimmt groß“, welches das Universum kennzeichne und dem Attribut „unendlich“, was er Gott vorbehält.
An der Schwelle zu einem modernen Weltbild befassen sich diese Denker intensiv mit der philosophischen Betrachtung der Unendlichkeit und vertiefen Grundunterscheidungen. Die Frage nach verschiedenen, unterschiedlich grossen, „Unendlichkeiten“ wird brisant. Die „Un-endlichkeit“ scheint sich nicht bloß und ausschliesslich auf eine Privation reduzieren zu lassen, im Sinne einer Absenz von Endlichkeit. Und sie ist auch nicht einfach eine übermenschliche Dimension, wozu der endliche Mensch keinen Zugang hätte. Für den Menschen zugleich unfassbar, geheimnisvoll, aber doch zentral und orientierend, erweist sich die Unendlichkeit für das philosophische Denken als eine Herausforderung, welche nach wie vor fasziniert.
- Enseignant·e: Olivier Ribordy