
«Empfange das Zeichen der Herrlichkeit» (Accipe signum glorie) – mit diesen Worten setzte der Papst dem neuen Kaiser vor dem Altar des Petersdoms in Rom die Kaiserkrone auf. Von der Krönung Karls des Grossen im Jahr 800 bis zum Jahr 1452 wurden in der Ewigen Stadt siebenundzwanzig Kaiser und mindestens sechzehn Kaiserinnen in ihr Amt eingeführt. Die Kaiserkrönungen feierten den Kaiser als obersten Verteidiger der christlichen Welt und können als bemerkenswerte Beispiele «supranationaler» Zusammenarbeit im mittelalterlichen Europa betrachtet werden.
Dieses Seminar widmet sich den fünf letzten Kaiserkrönungen in Rom (1312, 1328, 1355, 1433 und 1452) und betrachtet die Tradition als lebendige kulturelle Praxis, die auf vielfältige Weise Bedeutung schuf. Was geschah genau während einer Kaiser- und einer Kaiserinnenkrönung? Wie wurden die Krönungen gedeutet und wahrgenommen? Und was war ihre Wirkung auf politischer, kultureller und emotionaler Ebene? Einerseits studieren wir die sogenannten Krönungsordines, die als «Drehbuch» für die Kaiserkrönung am Papsthof entstanden. Anderseits betrachten wir, wie die Ereignisse in einer Vielzahl von Quellen dargestellt wurden (Chroniken, Augenzeugenberichten, Briefen, und Bildern). Dabei behandeln wir u.a. die Auswirkung der kaiserlichen Präsenz in Rom auf italienische Humanisten: der festliche Einzug des Kaisers in die monumentale Stadtlandschaft Roms erinnerte sie an die Antike und wurde mit der Rhetorik eines Triumphs beschrieben. Auch die Themen Kulturbegegnung und Kulturkonflikt lassen sich anhand der Quellen studieren, denn als Höhepunkte der Diplomatie brachten die Kaiserkrönungen Personen aus unterschiedlichen Regionen Europas in Rom zusammen.
- Dozent/in: Anne Huijbers